Die Warnung

Posted: April 28, 2011 in Vom Anfang zum Ende und (nicht) wieder zurück

Ändern Sie ihren Standort, hatte ein mir bis dato unbekannter Mann eines Morgens an einer Bushaltestelle zu mir gesagt. Aus seinen Augen stach eine Angst, die gleiches in mir auszulösen vermochte, ohne dass ich nur ansatzweise wusste, was er mit dieser Aufforderung nur meinen könnte. Ich starrte in sein schmerzverzerrtes Gesicht, verkrampfte mich im Brust- und Bauchraum, stand da wie ein Zinnsoldat und ließ meinen Mund erstaunt offen. Er wiederholte seine Aufforderung nun etwas lauter und kam dabei noch einen Schritt näher, unangenehm nah, wie ich fand. Mir schien, als meine er es ernst, warum sonst würde er den allseits bekannten Sicherheitsbereich zwischen zwei Menschen, die sich nicht kennen, so grenzen- und schamlos überschreiten?! Andere zukünftige Fahrgäste des auf sich warten lassenden Busses gen Maintown drehten sich nach uns um, ich schüttelte leicht den Kopf und hoffte darauf, ihnen damit signalisieren zu können, dass ich auch nicht wisse, was hier gerade passiere, doch mich schien keiner wirklich zu verstehen. Ihre Blicke wanderten zwischen mir und ihm hin und her, hin und her, und auch mein vermeintlicher Distanzierungsversuch, ich war derweil einen großen Schritt nach hinten ausgewichen und hatte dabei mit dem rechten Ellbogen einen dieser Bushaltestellenmülleimer gestreift, hinterließ bei den uns beobachtenden, gleichsam Wartenden wohl auch weniger Eindruck als Verwirrung. Ich versuchte meine Blicke von ihm zu wenden, diesem Mann in schwarzem Lederimitationsmantel, der unrasiert, ungewaschen und überhaupt aussah, als sei er einer psychiatrischen Klinik entwichen oder vor irgendwem auf der Flucht, hob meinen Kopf, ließ ihn nach rechts ausschweifen und erblickte den ankommenden Bus am Ende der langen Straße nunmehr aus dem Augenwinkel. Kurz löste diese Entdeckung eine kleine Beruhigung in mir aus, denn ich wusste derweil, dass mich nur dieser Bus aus dieser durchweg unangenehmen Situation erlösen könne. Doch dieses Gefühl wich wenige Sekunden später wieder einer aufsteigenden Angst. Schuld daran war der nun wieder näherkommende Mann, der sich mit seinem Oberkörper nach vorne beugte, das rechte Bein zu einem Schritte anhob und seinen Kopf nunmehr, einer Schildkröte gleich, soweit ausstreckte, dass mich ein stinkender Atemduft aus seinem Munde an den Haarspitzen streifte. Leise aber bestimmt wiederholte er die unzusammenhängenden Worte und ergänzte sie um die Ausdrücke sofort, jetzt und hier sowie sonst passiert Ihnen etwas schreckliches. Ich war außerstande zu reagieren, geschweige denn zu sprechen, sein Atem, seine Anwesenheit, sein stechender Geruch, seine Aufdringlichkeit, seine Kleidung, all das bereitete mir so viel Angst, dass ich wieder eine dieser gelähmten und verkrampften Körperhaltungen einnahm, meinen steigenden Puls wahrnahm und versuchte, weder auf die immer noch starrenden Beobachter noch auf den pulsierenden morgendlichen Berufsverkehr zu achten. Der Mann im beängstigenden Outfit schien ungeduldig zu werden, blickte noch einmal in mein Gesicht und sagte dann: Letzte Aufforderung: Ändern Sie, Gott verdammt, Ihren Standort, sonst werden sie.. Den Rest seiner Worte verstand ich nicht mehr, denn seine Stimme ging in einem lauten Knall hinter meinem Rücken unter und ich spürte noch, kurz bevor ich zu Boden sank, einen stechenden Schmerz an der Wirbelsäule, in den Beine und am Gesäß. Dann wurde es dunkel. Ich verlor das Bewusstsein. Kurze Zeit oder lange Zeit später, ich vermochte die Dauer der Amnesie nicht einzuschätzen, hörte ich panische Stimmen um mich herum, die mich von allen Seiten umknieten und an mir herumzudoktern versuchten. Ich öffnete die Augen, sah gen Himmel und erblickte, einige hundert Meter über mir, einen schwebenden Mann mit Mantel, der ein weißes Plakat in der Hand hielt, dessen Botschaft ich nicht entziffern konnte. Dann verlor ich erneut das Bewusstsein.

In einem örtlichen Krankenhaus aufwachend, vernahm ich auf dem Flur eine Stimme, die mit einem Polizeibeamten zu sprechen schien. Ist Ihnen vor der Detonation etwas besonderes auffallen, mein Herr? Ja, der Mann machte ein schmerzverzerrtes, panisches Gesicht, als sei er beängstigt von etwas. Er schaute immer wieder zwischen den wartenden Fahrgästen und der Straße hin und her, hin und her. Er wich mehrmals nach hinten aus, stand verkrampft dort, schaute verwirrt, wirkte geistesabwesend.

Ich verspürte ich einen Windhauch an meiner linken Wange, konnte meinen Kopf jedoch nicht zur Seite beugen. Ganz ruhig, hörte ich es flüstern. Ich habe Sie gebeten, den Standort zu wechseln, Sie haben meine Anweisungen nicht befolgt, infolgedessen sind Sie hier, haben Sie keine Angst, ich tue Ihnen nichts. Meine derzeitige Lage ließ eine weitere Verkrampfung des Körpers nicht zu. Ich schloss stattdessen die Augen und versuchte die atemähnliche Windböe an meinem Ohr zu ignorieren. Ich werde gehen und Sie beim nächsten Mal wieder warnen, aber seien Sie gewiss, das nächste Mal werden Sie nicht mehr so glimpflich davonkommen, glauben Sie mir, mein Herr! Ein Lachen hallte durch den Raum. In diesem Moment betrat eine Person das Zimmer, zumindest glaubte ich ein Geräusch vernommen zu haben. Was ist so lustig, hörte ich die Stimme sagen, die langsam aus dem Off trat und sich ans Fußende des Bettes stellte. Sie sind noch einmal mit dem Schrecken davon gekommen, mein Herr, sagte ein Mann im weißen Doktorimitationskittel, die Bombe aus dem Mülleimer hätte schlimmeres verursachen können. Was hat Sie zum Lachen gebracht? Nichts, ich habe nicht gelacht. Doch, haben Sie, man vernahm es laut und deutlich bis auf dem Flur. Da war dieser Mann, dieser Mann, der… Hier ist kein Mann und hier war kein Mann, zumindest nicht, als ich das Zimmer betrat. Ich wollte aufschreien, doch es ging nicht. Langsam schloss ich meine Augen zum wiederholten Male und hoffte, diesen Standort im örtlichen Krankenhaus bald wieder verlassen zu dürfen. Vor dem Einschlafen noch wünschte ich mir, ich sei ein Zinnsoldat, den man nun einfach wegtragen könne. Die Unruhe auf dem Flur wich einer Totenstille.

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