Einfach anders…


ZEIT(EN)

Veröffentlicht in Vom Anfang zum Ende und (nicht) wieder zurück, aus dem Leben (gerissen) von ts386 am Juni 21, 2009

Der Verfasser übernimmt für die folgende Darstellung die volle Verantwortung und weist ausdrücklich auf die Fehlbarkeit des Menschen in unserer Zeit hin! Sehen Sie von Korrekturvorschlägen ab. Vielleicht kennt er die richtigen Formulierungen und will nur…

Temporär, also zeitweilig, gibt es Unterschiede. Kleine Nuancen. Minimale Veränderungen. Das weiß auch die deutsche Sprache. Die linguistische Forschung. Unser Grammatikregelwerk.
Es gibt also eine Vergangenheit, eine vollendete Vergangenheit und eine Vor- (der vollendeten) Vergangenheit. Die Termini dieser Tempora, also die Fachausdrücke dieser Zeiten, heißen Präteritum, Perfekt und Plusquamperfekt.
Mit Hilfe dieser Formen sollen wir unser Erlebtes schildern können.
Wollen wir es doch mal versuchen.
Reisen wir also erst einmal zurück in die Vergangenheit.
Hingesetzt, Motor gestartet, abgehoben…, gelandet.

Oh, schön, dass Sie mitgereist sind. Ach ne. Vergangenheit. Ähm, schön, dass Sie mitreisten. Aber irgendwie doch auch nicht, oder? Sind Sie denn nicht gerade mit mir hier, in der Vergangenheit? Und deshalb in der Gegenwart? Also in der gegenwärtigen Vergangenheit? Ach, wie auch immer. Sie sind da.
So. Jetzt sollten wir uns ein Thema aussuchen, mit dem wir uns hier, also in der Vergangenheit, beschäftigen wollen.
Sagen wir „Verfall“. Ja, das ist immer gut. Ein Verfall muss ja auch immer irgendwo begonnen haben, wo also könnte man besser nach dem Ursprung suchen, als in der Vergangenheit, klingt logisch, oder?
Nehmen wir also den „Verfall“.
Versuchen wir mal zu skizzieren.

Nachdem ich zu viel gearbeitet hatte,
(1.Pers.Sing., Plusquamperfekt von arbeiten, Aktiv)
bin ich eines unbestimmten Tages zusammengebrochen.
(1.Pers.Sing., Perfekt von zusammenbrechen, Aktiv)
Kurze Zeit später hielt ich mich für eine länge Zeit in einem Sanatorium auf.
(1.Pers.Sing., Präteritum von aufhalten, Aktiv)
Seither lebe ich zurückgezogen und verängstigt mein verrücktes Dasein.
(1.Pers.Sing, Präsens von leben, Aktiv).

Ja, jetzt wissen Sie also alles über meine Vergangenheit, vollendete Vergangenheit und Vorvergangenheit. Dank der deutschen Sprache. Oder etwa nicht?
Lassen sich denn all unsere Erlebnisse, Erinnerungen, Taten und gelebten Gefühle wirklich verbalisieren? Einfach kategorisieren, hierarchisieren?
Was bietet Sprache? Was kann sie nicht leisten? Versuchen wir es mal mit einem anderen Beispiel, weil es so schön ist.
Sagen wir: „Gefühle

Als ich mich in ihn verliebt und alle Schuldgefühle auf mich genommen hatte,
(1.Pers.Sing., Plusquamperfekt von verlieben/nehmen, Aktiv)
habe ich mich verdammt dreckig gefühlt
(1.Pers.Sing., Perfekt von fühlen, Aktiv)
und funktionierte fortan wie eine Maschine.
(1.Pers.Sing., Präteritum von funktionieren, Aktiv)

Mir kommt gerade die Galle hoch. Soll das wirklich alles sein? Soll ich mithilfe dieser Tempora all mein Inneres verbalisieren können? Da muss doch noch mehr drin sein. In mir. Und unserer Grammatik.
Ich gebe zu, ja, da ist noch dieses Passiv, aber was hilft mir das? Ich mein, mit mir wurde oder wird ja dann etwas gemacht. Und ich? Wo bin dann ich?
Zum Ausdruck unseres Erlebens hilft also nur das Aktiv. Ja. Sag ich mal so. Als Laie.
Das hieße also: Drei Zeiten für die Zeit, in der wir uns gerade befinden! Mehr nicht?
Die deutsche Sprache sperrt uns in ein Gefängnis, in ein Regelwerk aus Normen. Wie das gesellschaftliche Leben uns Menschen, finden Sie nicht auch?
Wer weiß denn, ob die oben benannten Sätze grammatikalisch korrekt verfasst sind?
KEINER!
Und wer weiß, ob diese Sätze das widerspiegeln, was sie zu spiegeln vorgeben?
KEINER!
Das Vergangene bleibt das Vergangene, das Verborgene das Verborgene, das Gefühlte das Gefühlte und das Erlebte das Erlebte.
Und die Vergangenheit bleibt nur eine Zeit. Für uns. Nicht für die Grammatik.
Die Hoffnung eine Hoffnung.
Auf eine bessere, oder andere, Vergangenheit. In der Zukunft.
Reisen Sie mit mir zurück. In die Gegenwart. Denn wir können nur sie beeinflussen!
Und hier sei nur noch am Rande bemerkt: Für diese Phase gibt es in der deutschen Grammatik nur einen Tempus. Viel zu wenig für eine Zeit, in der wir den größten Handlungsspielraum erleben können oder dürfen. Ich rufe auf: Zu einem neuen Aufbruch. Einer neuen Zeit.
Für uns. Für unsere Gegenwart. Und eine bessere Vergangenheit. In der Zukunft.
Hingesetzt, Motor gestartet, abgehoben…, gelandet.
Willkommen: In der Zeit.

(PS: Vielleicht eine naive Betrachtung, die der Komplexität der deutschen Grammatik nicht gerecht wird. Denken wir an weitere, wichtige Gegenstände unseres Regelwerks: Numerus, Kasus, Modus etc. Aber warum denn nicht mal zuspitzen? Auf das Wesentliche! Und ich glaube dieser Text zeigt, dass genau dieses Ziel verfehlt wird. In der Grammatik. Und in uns.)

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