Du
Du trittst in den Raum. In mein Leben. Ungefragt. Kommst. Und bist da. Du stellst dich nicht vor. Das hast du nicht nötig. Du kommst. Einfach so.
Verängstigt sitze ich in der kleinen Ecke hinten links. Mein Blick ist zunächst auf ein leeres Blatt Papier gerichtet. Und dann sehe ich dich. Wie du die Tür hereinkommst. Ein stolzer Blick. Eine aufrechte Körperhaltung. Du hast eine Tasche in der Hand. Du betrittst den Raum und scheinst ihn fortan auszufüllen. Ich kann den Blick nicht von dir abwenden. Starre dich an. Dein zielgerichteter Gang. Deine Präsenz. Was ist es, das mich zwingt aufzuschauen?
Ich zittere nervös. Mein Stift in der linken Hand vibriert. Neben mir ist ein Platz frei. Ich sehe es aus den Augenwinkeln, so sehr ich auch versuche, auf das vor mir liegende Blatt Papier zu schauen. Ich blicke dich an. Und den freien Platz neben mir. Ich will, dass du dich neben mich setzt. Spüre es. Und zugleich will ich, dass du schnell wieder verschwindest. Aus meinem Blickfeld. Diesem Raum. Du läufst schnellen Schrittes und kommst der Ecke, in der ich verweile und zittere, immer näher. Starre auf das Blatt, starre auf das Blatt, schau ihn nicht an. Sag ich mir selbst. Setz dich neben mich, bitte. Verschwinde aus meinem Blickfeld, sofort. Spreche ich weiter zu mir. Nur noch wenige Schritte trennen dich und meinem Platz in der hintersten Ecke voneinander. Du scheinst ein klares Ziel vor Augen zu haben. So wie du gehst. Wie du schaust. Meine Beine fangen an zu zittern. Mein Körper vibriert. Mir wird warm. Ich versuche zu schlucken. Doch nichts geht mehr. Bin ich der Einzige in diesem Raum, der dich anstarrt? Für einen kurzen Moment versuche ich die anderen Menschen um mich herum wahrzunehmen doch binnen weniger Millisekunden landet mein Blick schlussendlich wieder bei dir. Deine Statue nimmt Form an. Du bist groß, schlank. Trägst einen Mantel. Und hast eine Tasche bei dir. Setz dich endlich hierher. Verschwinde. Sofort.
Ich starre auf das Blatt Papier. Es ist nicht mehr weiß. Schwarze Kugelstiftkreise, die über den Zettel hinausreichen. Wie kommen sie dahin? Für einen Moment versuche ich… Keine Zeit. Ich lege beide Arme auf den Tisch und versuche das Kunstwerk zu verstecken. Vor dir. Denn du bist gleich angekommen. So scheint es. An deinem Ziel. Denn du wusstest schon beim Eintritt in diesen Raum, wo du gerne hin möchtest. Und dieser Ort scheint in meiner unmittelbaren Nähe zu sein. Vielleicht drei Schritte, dann stehst du hinter mir. Starre auf das Blatt. Höre auf mit den Beinen zu wackeln. Schau nicht auf. Keinesfalls.
Dann bleibst du stehen. Kurz vor meinem Tisch. Es trennen uns wenige Zentimeter. Nicht hinsehen. Verschwinde. Komm näher. Setz dich. Geh wieder.
Du stellst deine Tasche auf den Tisch. Ich sehe es aus den Augenwinkeln. Vor mir ein zerkritzeltes Blatt. Du ziehst deine Jacke aus. Legst sie auf die Tasche. Ich habe die Arme ineinander verschränkt. Die Zeichnung abdeckend.
Du nimmst den Stuhl neben mir. Ziehst ihn nach hinten zurück. Vom Tisch weg. Gehst ein Stück nach vorn. Streckst dich noch einmal. Und dann lässt du dich…. fallen.
Du sitzt auf dem Stuhl, rückst mit ihm nach vorn. Um deine Tasche zu erreichen und starrst nach vorn. Dann drehst du dich um und sagst zu mir, ich solle vom Boden aufstehen. Ob ich mir wehgetan hätte und ob er helfen könne. Ich öffne den Mund und versuche etwas zu sagen. Du Arsch, verschwinde. Hau ab. Schön dich kennen zu lernen. Wie heißt du? Klar kannst du mir helfen! Sollen wir beide nicht. Ich will dich nicht mehr sehen. Verlasse den Raum. Geh und komm nie zurück.
Ich schweige. Du drehst dich noch einmal um. Lachst mich an. Ich stehe auf. Und setze mich. Schöne Zeichnung kannst du noch sagen, bevor die Veranstaltung beginnt. Ich zerreiße das Blatt Papier. Und starre auf den Tisch. Schau dich nicht an. Jetzt nicht. Ich blicke nicht auf. Die ganze Zeit nicht.
Dann ist es zu Ende. Du stehst auf und gehst. Einfach. Nimmst deine Sachen und gehst. Ohne Worte. Ohne Reaktion. So wie du gekommen bist. Mit diesem stolzen Blick. Diesem aufrechten Gang. Dieser Zielorientierung. Heraus aus dem Raum. Ich schaue dir hinterher. Ich kann alles im Augenwinkel erkennen. Du bist fort. Ich sitze da. Komm zurück. Sofort. Du kannst doch nicht einfach. Ich will dich nie wieder sehen. Nie wieder missen, dich zu sehen. Du.
In der nächsten Woche kommst du erneut. In den Raum. In mein Leben. Ungefragt. Kommst. Und bist da. Du stellst dich nicht vor. Das hast du nicht nötig. Du kommst. Einfach so.
am Januar 16, 2009 am 02:05
lieber thom!
auch wenn dieser text heute nacht nicht meiner person gewidmet ist, so sollst du doch wissen, dass dies gestern ein schönes treffen mit dir war! genau dein text spiegelt meine derzeitige emotionele lage wieder!
ich danke dir!