Todesursache unklar – Vol. V
Den verdächtigen Personen werden Handschellen angelegt. Vor den Augen der Hochzeitsgesellschaft werden sie abgeführt und im großen blauen Bus eingeladen.
Sechs Personen weniger.
Die Leiche schwimmt immer noch in der Wanne. Keiner der erwachsenen Gäste bewegt sich, regt sich, sagt etwas. Allein die Kinder stehen am Beckenrand und schreien „ Darf ich sehen wie Mama…“ „Kann ich sehen wie Papa…“ „Kann ich sehen wie Onkel …“ „in den Wagen gebracht werden?“ „Mama, hier an der Wanne ist es langweilig, Christel liegt ja einfach nur noch da.“ Keine Reaktionen.
Die Kinder rennen in Scharen den Polizisten und den Verdächtigen hinterher.
Der Kriminalbeamte starrt noch ein letztes Mal in die Wanne. Dann der Befehl: „Abtransportieren und zur Obduktion freigeben. Jemand etwas dagegen?“
Totenstille im Raum. Todesursache ungeklärt.
Eine Liebesgeschichte – Vol. VI
Kennen gelernt haben sich die Beiden beim Bahnhofsbäcker „Der Bahnhofsbäcker“. Er kaufte ein Laugenbrötchen, er eine Laugenbrezel. Er wurde von der jungen Kassiererin bedient, er gab seine Bestellung bei der deutlich älteren Dame hinterm Tresen auf. Sie warfen sich ein Lächeln zu, nahmen ihr Wechselgeld in Empfang und versuchten gleichzeitig, mit ihren Tüten und Koffern durch die schmale Eingangstür der Bahnhofsbäckerei „Der Bahnhofsbäcker“ zu gehen. Dabei kollidierten sie, die Tüten, befüllt mit dem Laugenbrötchen und der Laugenbrezel aus der Bahnhofsbäckerei „Die Bahnhofsbäckerei“, fielen zu Boden, er und er steckten im Türrahmen fest. Sie warfen sich ein weiteres Lächeln zu. Er ging nun schnellen Schrittes nach vorn, er wich nach hinten aus. Nachdem sich beide aus dem Türrahmen befreien konnten, hoben sie ihre Tüten mit der Aufschrift „Die Bahnhofsbäckerei“ auf, warfen sich noch ein letztes Lächeln zu und trennten sich.
Er öffnete auf dem Bahnsteig seine Bäckerstüte der Bahnhofsbäckerei „Der Bahnhofsbäcker“ und nahm seine Laugenbrezel heraus. Er öffnete am Gleis seine Tüte und nahm das Laugenbrötchen heraus.
Hatte er nicht ein Laugenbrötchen bestellt? Hatte er nicht eine Laugenbrezel beim Bahnhofsbäcker „Der Bahnhofsbäcker“ bestellt?
Er ließ die Laugenbrezel unberührt.
Er das Laugenbrötchen.
Er lächelt.
Er auch.
Todesursache unklar – Vol. IV
Die Polizei trifft ein und erblickt die Leiche im Wasser. Immer noch herrscht absolute Stille im Raum. Dann die Fragen des Polizeibeamten:
1. Wer schenkte ihr diese Wanne zur Hochzeit? – Bernd
2. Wer befüllte die Wanne mit Bier? – Gaby
3. Wer half der Toten beim Einstieg in die Wanne? – Petra
4. Wer brachte ihr das Handtuch? – Kurt
5. Wer fütterte die Tote mit Weinbergschnecken? – Paul
6. Wer vergaß das Bier zu erhitzen und zu temperieren? – Anne
„Herr Wachtmeister, glauben Sie etwa, Christel sei erfroren?“ „Wir können es nicht ausschließen, werter Herr.“
„Alle oben genannten Personen stehen unter Verdacht, die hier anwesende Tote, Christel B., ermordet zu haben. Männer, abführen. Die Leiche und die sechs verdächtigen Personen.“
Stille im Raum. Todesursache ungeklärt.
And the winner is…
Am Ende eines Spiels gibt es einen Sieger und einen Verlierer. Gekämpft wird um ein bestimmtes Ziel, dass erreicht werden muss, um gewinnen zu können. Dafür gibt es am Ende die Siegestrophäe. Alle Anderen gehen leer aus, die Verlierer.
Was aber bitte ist der Preis für den Preis, den ich am Ende gewinnen kann?
Sind nicht Kämpfe, nur des Kampfes Willen, unmoralisch und falsch?
Und was ist, wenn der Preis eines solchen Kampfes ein Mensch seien soll?
Seither hasse ich dieses Spiel und den Kampf um Sieger und Verlierer.
Menschen sollten keine Trophäen sein. Und andere sollten nicht um Menschen spielen und Menschen aufs Spiel setzen. Vor allem sich selbst, als Mensch, nicht.
And the winner is… nobody.
Es gibt aber Preise, um die es sich, dem Anschein nach, zu kämpfen lohnt. Aber diese bekommt man nicht allein durch Siegeszüge. Menschen kann man nicht gewinnen, sie nicht behalten, für sich beanspruchen.
Liebe aber ist ein Gewinn für Menschen. Aber auch ein Schlachtfeld für Kämpfe und Spiele, bei denen es wieder Gewinner und Verlierer gibt. Übrig bleiben die Wunden, Schmerzen und Narben des Spiels um die Liebe. Liebe ist ein gefährliches Spiel, zu gefährlich, als dass es sich lohnt mit ihr zu spielen. Aber ohne das Spiel ist sie nicht zu erhalten, sie ist also gleichwohl der Preis eines langen Weges, den es zu verteidigen gibt.
Wären da nicht die Menschen, um die es gehen soll, sie allein sind als Preis des Kampfes zu kostbar.
Was richtet die Liebe an? Was richtet das Spiel an? Was richtet das Spiel mit der Liebe an.
And the winner is… the game.
Eine Liebesgeschichte – Vol. V
Sie lernten sich über das Internet kennen. Er lud sie in seine Wohnung ein. Sie kam zu ihm, eines besagten Tages. Fortan lebten und liebten sie sich. In seiner Wohnung.
Sie kam in seine Wohnung. Ihre Sachen standen im Büro, seine Zimmertür war verschlossen. Nun lebten sie, liebten aber nicht mehr. In seiner Wohnung.
Er kam in seine Wohnung. Ihre Sachen waren fort, das Büro leer, die Wohnung einsam und verlassen. Sie ging, wortlos. Sie lebten und liebten nicht mehr. In seiner Wohnung.
Eichhörnchen Vol. IV
Tagelang habe ich es ohne Gedanken an diese Tiere ausgehalten, doch gestern wurde ich wieder auf sie aufmerksam. Nichts ahnend spaziere ich durch ein Einkaufscenter und schaue mir die Weihnachtsdekoration an. Zu meiner Zeit waren an diesen Festtagen vor allem Weihnachtsmänner, Rentiere und Engel der große Renner. Was erblicke ich in diesem Jahr: Singende Eichhörnchen. „Drück mich und schon singe ich dir ein Lied.“
„Expansion der Eichhörnchen. Plage besonders zu Weihnachten. Bringen Sie den Weihnachtsteller mit Nüssen in Sicherheit, sonst blüht Ihnen ein skandalöses Weihnachtsfest mit Hungersnot.“
Kurze Aufklärung für die Erfinder dieser trällernden Kleintiere: Sie sind scheu und lassen sich nicht drücken. Und singen können sie schon gar nicht.
Wer also braucht zu Weihnachten bitte Eichhörnchen? Nur eine Familie, dessen Weihnachtsteller von der Oma gestaltet wurde und zu 80% aus Wallnüssen besteht.
Und warum bitte sind sprechende und singende Weihnachtsmänner nun out? Nur weil der Mann mittlerweile gealtert ist? Ich dachte wir leben nun frei nach dem Motto: „Achtung, die Alten kommen.“
Eichhörnchen braucht das Land. Gratulation, ihr habt es in die diesjährige Weihnachtsauswahl geschafft. Passt auf, dass ihr nicht nächstes Jahr gegrillt werdet. Dafür seid ihr nämlich dann doch zu schade, sagt der hier schreibende Vegetarier.
Dann wünsche ich euch ein frohes Fest.
In meinen Haushalt kommt ihr nicht. Das hat viele Jahre zuvor noch nicht einmal der Weihnachtsmann geschafft, warum also ausgerechnet ihr?
In diesem Sinne.
Bis bald.
PS: Denkt dran, ihr steht unter meiner Beobachtung.
Eine Liebesgeschichte – Vol. IV
Sie liebten sich auf Parkplätzen. Jeden Freitag zwischen 11 und 11.30h. Sie stand dort, in ihrem Wintermantel, ihren schwarzen Stiefeln, ihrem bunten Tuch im Haar. Er fuhr mit seinem schwarzen Audi vor, lud sie ein, ihn zu lieben. Sie liebten sich im Auto. Auf diesem Parkplatz.
Eines Tages vergaß er die Zeit und kam fünf Minuten zu spät. Von weitem sah er sie in einen schwarzen Audi einsteigen. Niemals trafen sie sich wieder, seit jenem Freitag im Winter, als er zu spät zu ihr kam.
Eine Liebesgeschichte – Vol. III
Sie trafen sich viele Jahre auf ihrer Couch. Dabei teilten sie die Decke miteinander, legten die Beine auf die des Anderen, lachten, weinten und spielten miteinander. Tag aus Tag ein. Sie rauchte eine Zigarette nach der anderen, er trank Bier.
Sie saßen auf der Couch, streitend. Jeder behielt seine Beine bei sich, sie schrieen und weinten. Eine Trennung. Sie saß einsam dort und rauchte die Zigaretten schachtelweise. Er platzierte sich auf seinem Sofa und trank in sich hinein, einsam.
Sie treffen sich auf ihrer Couch, teilen sich die Decke miteinander, legen die Beine über die des Anderen. Sie lachen und weinen, spielen miteinander. Sie raucht viele Zigaretten. Er auch. Gemeinsam. Bis sie eines Tages tot dort liegen. Im Arm des Anderen. Die Zigaretten sind verglüht.
Todesursache unklar – Vol. III
Stille. Immer noch steht die Hochzeitsgesellschaft um die leicht gräuliche Wanne und blickt auf die Leiche. Die Kinder in der letzten Reihe drängeln sich nach vorn, wollen etwas sehen. Ein Kind sagt zu ihrem Vater: „Papa, Christel hat einen völlig ausgestopften Mund, und sieh mal dort, da schwimmt eine Schnecke in der Flüssigkeit. Die kommt gerade aus dem Mund, ist sie etwa erstickt?“
Schockierende Blicke. Warten auf die Kriminalbeamten. Die Bierlache beginnt zu stinken, das Tuch um den Hals verliert an Farbe und erblasst.
Ist sie wohl erstickt? Todesursache ungeklärt.
Eine Liebesgeschichte – Vol. II
Sie trafen sich jeden Freitag im Zug nach Wattenscheid im Wagen 4, neben dem Notausgang, warfen sich Blicke zu, er grinste sie an, sie warf ihm einen Handkuss zu.
Sie trafen sich am Freitag zum letzten Mal im Zug nach Wattenscheid, in Wagen 4, neben dem Notausgang. Er warf ihr wieder Blicke zu, sie reagierte nicht, kein Handkuss, keine Geste. Sie trug einen Blindenstock bei sich.