Warten . . .
Warten kann er nicht. Er kann es einfach nicht. Schnell wird er ungeduldig, läuft von A nach B, hibbelt rum, läuft schreiend im Kreis oder steht kurz vorm Durchdrehen. Auf einem Stuhl kann er nicht lange ruhig sitzen bleiben. Er muss sich bewegen. Warten kann er nicht.
Am Bahnsteig wird das Warten auf den Zug zur Hölle. Er läuft auf und ab, vom Nord- zum Südausgang, und betrachtet dabei die einzelnen Plakate. Wahlweise zählt er sie auch. Manchmal zählt er die Menschen auf den Gleisen und fragt sich, wohin sie wohl fahren werden. Er läuft und läuft. Muss sich bewegen. Schaut auf die Uhr. Zählt im Kopf die Sekunden einer Minute, einer Stunde. Wann kommt endlich der Zug? Warten kann er nicht.
Im Bett liegend wartet er auf einen Anruf. Er wälzt sich von links nach rechts, steht wieder auf, um sich etwas Beschäftigung zu suchen, rennt dabei unkontrolliert durch die Wohnung und landet schlussendlich wieder in seinem Bett. Er nimmt sich ein Buch, versucht drin zu lesen, sieht Buchstaben, Worte und Sätze, nimmt sie aber nicht wahr. Er liegt auf dem Rücken, dem Bauch, auf der Seite, falsch herum im Bett und wartet auf den ersehnten Anruf. Schaut ständig auf die Uhr. Es dauert ihm zu lange. Er selbst ruft an, hält es nicht mehr aus. Warten kann er nicht.
An der Supermarktkasse packt vor ihm eine alte Frau ihr gesamtes Portemonnaie aus. 1Cent-Stücke, 2Cent-Stücke, 5-Cent-Stücke, 10-Cent-Stücke,20Cent, 50Cent, 1Euro,2Euro, und stellt fest, dass ihr Kleingeld nicht reichen wird. Langsam und gemütlich packt sie die einzelnen Münzen zurück in ihre Geldbörse. Er steht hinter ihr und wibbelt mit den Beinen, würde am Liebsten in die Bananen auf dem Band beißen oder los schreien. Langsam und ohne Hektik bezahlt sie. Er kann nicht mehr und würde gern flüchten. Warten kann er nicht.
Auf der Autobahn sieht er durch die Windschutzscheibe Warnblinkanlagen. Unzählig viele. Rote Bremsleuchten. Autokorsos. Ein Stauende, und er fährt zielgerichtet drauf zu. Klassisch konditioniert macht er es ihnen nach und beißt schon einmal vorsichtshalber ins Lenkrad. Er wird ungeduldig. Im Radio sucht er nach einer Staufrequenz und hofft auf wenige Kilometer. Zu finden ist leider keine. Wie lange muss er nun darin verweilen? Stop and Go. Stop and Go. Und mittendrin ist er. Er wird zu spät kommen. Schaut auf die Uhr. Muss hier verweilen und hoffen. Doch warten kann er nicht.
In seiner Wohnung bittet er sie, ihm etwas aus dem Kühlschrank mit nach draußen zu bringen. Langsam schleift sie durch die Wohnung und erledigt ihre Dinge, er wartet nervös auf den angeforderten Gegenstand. Sie zieht sich kurz ins Bad zurück. Es dauert ihm zu lange. Er steht selbst auf. Denn warten kann er nicht.
In einem Telefoncallcenter ist er in der Warteschleife gelandet und hofft auf einen baldigen Dialog. 1Minute, 2 Minuten, please hold the line. Er wird ungeduldig. Rennt mit dem Telefon über die Straße, auf und ab, vor und zurück. Zählt die Sekunden, Minuten. Er ist es leid und legt wütend auf. Denn warten kann er nicht.
Auf seiner Couch will er sich einige Minuten Ruhe und Entspannung gönnen. Mal nichts tun, ach wie schön. Er blickt die Bilder an, versinkt in Gedanken und schweift kurz ab. Sein linkes Bein wibbelt dabei auf und ab. Es ist 17h, um 20h ist er verabredet. Noch drei Stunden. Was soll er so lange machen? Zwanghaft versucht er einzuschlafen, es klappt nicht. Kann nicht jetzt schon 20h sein? Er springt auf und verabredet sich kurzum. Denn warten kann er nicht.
Vor seinem Herd stehend bereitet er sich genüsslich einen Auflauf zu. Nudeln mit Tomaten und Käse. Die Nudeln kocht er vorher im Topf ab. Das Nudelwasser erhitzt er im Wasserkocher, um Zeit zu sparen. Großen Hunger, meldet sein Magen. Er nascht. Dort ne Nudel, dort einen Klecks Soße, da ein Stück Käse. Und noch ein und noch ein. Ungeduldig öffnet er ständig die Topfdeckel und den Backofen und schaut, ob das Essen endlich gar ist. Er will jetzt essen. Sofort. Er nascht und nascht. Der Auflauf wird fertig. Hunger hat er keinen mehr, denn er konnte nicht warten.
Wo bleibt sie denn? Er sitzt in seiner Wohnung und wartet auf seine Verabredung. Sie sagte doch gerade noch, sie mache sich auf dem Weg, wo also bitte bleibt sie? Nervös läuft er auf und ab. In seiner Wohnung möchte er nicht mehr warten, zieht sich an und stellt sich auf die Straße. Zählt die Sekunden, Minuten. Seine Schritte. Seine Atemzüge. Vor der Türe ist es zu langweilig, er läuft ihr ein Stück entgegen, denn warten kann er nicht.
3-5Tage Bearbeitungszeit und sie können den Prozess nicht beschleunigen. Bitte haben Sie etwas Geduld. Jeden Morgen zählt er die Tage runter. Er hält es kaum noch aus, wann gibt es endlich die erlösende Entscheidung? Auf und ab rennend denkt er drüber nach und kriegt den Kopf nicht mehr frei. Er ist nervös. Da er es nicht mehr aushält, ruft er doch an, schon am 2 Tag. Dann am 3.,dann am 4. Denn warten kann er nicht.
Eine Kneipe und alle Tische sind belegt. Gleich werden welche gehen, sie bezahlen und packen ihre Taschen. Er steht dort und wartet, dass sie endlich verschwinden. Er schaut durch die Gegend, blickt sie strafend an, keine Reaktion. Die Ungeduld kocht in ihm hoch, er will nun endlich dort sitzen. Doch es dauert. Er bittet seine Begleitung zu gehen, in eine andere Kneipe. Denn Warten kann er nicht.
Ein Vortrag des Dozenten. Gegen Ende verspricht er kurze und wichtige Informationen über die Prüfungen. Er hibbelt auf dem Stuhl. So sehr er sich auch versucht zu konzentrieren, merkt er, dass er ihm nicht weiter folgen kann und zieht sich in seine Traumwelt zurück. Die Menschen neben ihm stehen auf, die Vorlesung ist zu Ende, die Worte bekam er nicht mehr mit. Denn warten konnte er warten.
Ein Buch. Es ist spannend und fesselnd. Seite für Seite liest er es und hofft auf das spannende Ende. Doch es sind noch 300Seiten. Er hat noch viel vor sich. Die Anspannung verspürt er im ganzen Körper, sie steigt in ihm hoch. Das Ende kann er nicht abwarten und liest die letzte Seite. Die Anspannung ist fort, die Lust am Lesen auch. Weil er nicht warten konnte.
Vor seiner Waschmaschine sitzend beobachtet er den Schleudergang. Die Maschine dreht sich, sie schleudert. Es kann nicht mehr lange dauern, er weiß es. Tick Tack. Schnell will er sie noch aufhängen, aber wie lange dauert das denn wohl noch? Er zählt die Umdrehungen der Maschine. Wartet ungeduldig. Dann hält er es nicht mehr aus und zieht den Stecker. Triefend nass zieht er die Kleidungsstücke aus der Maschine. Denn warten kann er nicht.
In der Bahn ist die nächste Haltestelle schon sichtbar. Die Türen öffnen erst, wenn der Zug vollständig zum Stehen gekommen ist. Nervös drückt er den Knopf, immer und immer wieder. Wann öffnet sie sich endlich? Komm schon. Das Warten macht ihn verrückt. Er kann es nicht.
Vor einer roten Ampel stehend hofft er auf die Grünphase. zunächst noch beobachtet er die Menschen, stellt aber dann fest, dass er zum Warten keine Zeit hat. Tick Tack. Auf und ab gehend versucht er ein gutes Vorbild zu sein und bei Rot stehen zu bleiben. Aber nach 2 Minuten kann er nicht mehr. Er geht, auch wenn kleine Kinder dort stehen. Denn warten kann er nicht.
Die Seite wird langsam aufgebaut. Noch 10Elemente, noch 5 Elemente. Eine halbe Minute vergeht und die Seite ist immer noch nicht komplett hochgeladen. Er kann es nicht ertragen. Klickt sinnlos auf die Maus, haut in die Tasten. Nervös springt er auf und ist ungeduldig. Der PC stürzt ab. Weil er nicht warten konnte.
Es wurde Essen bestellt. Ein leckerer Salat. 10Minuten, 15Min.,20Min. Immer noch keine Spur von etwas essbarem. Auf der Bank sitzend dreht er sich von A nach B, schaut nach dem Kellner. Niemand in Reichweite. Der Hunger vergeht und er ist verärgert. Warten kann er nicht.
„Wie lange dauert das noch? Ich will nicht mehr. Krieg ich ein Eis? Ist es noch weit? Geht das nicht etwas schneller? Ich habe keine Zeit, könnten Sie vielleicht…? Ich bin nicht hyperaktiv, nein, das sieht nur so aus, wirklich. Darf ich schreiend im Kreis laufen? Warum wird hier keine 2.Kasse aufgemacht? Wann kann ich wieder anrufen? Warum hast du dich noch nicht gemeldet, warte seit Stunden? Ich kann nicht mehr sitzen, können wir vielleicht… Können wir uns etwas bewegen? Ich kann mich nicht konzentrieren, aber das macht nix…Scheiße, wie war das noch gleich…. Kannst du mal etwas schneller reden, ich schlafe sonst ein?! Mach mal hin! Wo bleibst du? Ich bin nicht nervös. Nein, ich kann nicht leiser und langsamer sprechen. Ja, ich tippe hektisch in die Tasten, na und? Du hast was gegen meinen Fahrstil, steig doch aus. Ich bin nicht aggressiv, es ist nur….Ich kann nicht mehr warten.“
Man könnte die Aufzählung bis ins Unendliche fortsetzen. Es begegnet ihm jeden Tag.
DENN ER KANN NICHT WARTEN.
Lieber Franz Kafka,
Lieber Franz Kafka,
heute möchte ich nun endlich meine Freundschaft zu Ihnen kündigen. Verschonen Sie mich in Zukunft bitte mit Leserbriefen aus dem tiefen Dunklen ihres Grabes und unterlassen Sie Unterstellungen, meine Einträge und literarischen Werke seien apokalyptisch oder depressiv. Schauen Sie sich einmal ihre Niederschriften an. Mit Ihren düsteren Bildern, ihren selbstzerstörerischen Geschichten und Worten bringen Sie MICH immer wieder in tiefe, dunkle Depressionsphasen und lassen mich vor Kälte erstarren. Wissen Sie eigentlich, was ihr Vater über sie dachte? Es ist einfach, immer nur die eine Seite der Münze zu betrachten, aber vielleicht hat auch er solch kalte Worte für Sie gefunden und Sie als Sohn verabscheut, haben Sie darüber einmal nachgedacht?
Unterlassen Sie in Zukunft jegliches Psychogelaber und stören Sie keine weiteren Dialoge. Besuchen Sie keine meiner Seiten mehr und lassen Sie ihren Frust an anderen Menschen aus. Meine Geschichten sind weder depressiv, noch melancholisch noch apokalyptisch, sie sind einfach nur schön, erkennen Sie es endlich an.
Ihre Tiermetaphern sind bei mir geklaut und werden juristische Folgen für Sie haben. Belästigen Sie mich und die Welt nicht weiter mit Ihren Worten.
Glauben Sie mir, ich kann auch ohne Ihre „Werke“ depressiv sein. „
Mit Grüßen.
PS: Ähm, sollten wir nicht doch Freunde sein? Ach kommen Sie, bitte. Ich kann Sie doch irgendwie verstehen, sollen wir uns nicht wieder vertragen? Ich mag sie doch so gern. War doch alles gar nicht so gemeint. Meine Sachen sind natürlich bei weitem nicht so schön wie Ihre, wirklich nicht. Können Sie mir noch einmal verzeihen? Ich fühle mich leer ohne die Verbindung zu Ihnen. Kommen Sie, wir vergessen alles was ich schrieb und fangen ganz von vorne an, gemeinsam gehen wir durch jede Depression und erfreuen uns an einem Leben im Irrenhaus. Geben Sie sich einen Ruck und wir werden die Hölle gemeinsam aufsuchen, zusammen können wir noch depressiver sein, versprochen. Und Sie fühlen sich dort nicht mehr so einsam in Ihrer Welt.
Lieber Franz Kafka,
sind Sie wieder mein Freund? Sonst macht mein Leben keinen Sinn mehr. Bitte. Sonst werde ich mich… Tun sie mir das nicht an.
Vollgeschissen…
Und plötzlich kommt es von oben. Wie aus heiterem Himmel landen zwei Kleckse auf meinem Körper, dabei zielt das Tier einmal auf meinen Oberarm, einmal trifft es mein Hosenbein. So ein Vogelschiss soll bekanntlich Glück bringen, kommt meiner Meinung nach allerdings viel zu spät. Ob jetzt dadurch noch was zu retten ist? Ich probiere es mal: Habe nur einen ganz banalen Wunsch: Ein neues Leben. Tausche mein altes ein. Freiwillig. Ein Geschenk. Mehr Wünsche habe ich nicht. Einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig. Ich warte auf die Glücksfee, die von oben kommt. Vierundzwanzig, fünfundzwanzig, sechsundzwanzig. Schluss jetzt, genug Zeit gehabt.
Seht ihr, es klappt nicht mit dem Glück von oben.
Ein roter Fleck ist auf meinem Arm zu sehen. Meine Haut reagiert anscheinend allergisch darauf.
Und noch etwas: Ich reagiere allergisch auf Vögel, die mich unerlaubt voll scheißen.
Um eins klarzustellen: Ich will gar kein Glück! Ich fühle mich doch bekanntlich wohl in diesem Sumpf. Scheißt bitte in Zukunft alte Stühle voll und macht sie glücklich. Ich will euer verschissenes Glück nicht.
Also, noch mal: An alle Vögel dieser Welt:
Ich möchte in Zukunft nicht voll geschissen werden. Sucht euch andere Opfer und beschenkt sie mit euren gütigen Körpersäften. Es soll Menschen geben, die darauf stehen. Und an euer Glück glaube ich auch nicht. Ich weiß nämlich wie ich zu meinem Glück komme. Dafür brauche ich nur die Nachbarskatze von rechts nach links über die Straße scheuchen. So habe ich Glück auf Erden. Euch dort oben brauche ich nicht.
Ich scheiß auf euch.