Ändern Sie ihren Standort, hatte ein mir bis dato unbekannter Mann eines Morgens an einer Bushaltestelle zu mir gesagt. Aus seinen Augen stach eine Angst, die gleiches in mir auszulösen vermochte, ohne dass ich nur ansatzweise wusste, was er mit dieser Aufforderung nur meinen könnte. Ich starrte in sein schmerzverzerrtes Gesicht, verkrampfte mich im Brust- und Bauchraum, stand da wie ein Zinnsoldat und ließ meinen Mund erstaunt offen. Er wiederholte seine Aufforderung nun etwas lauter und kam dabei noch einen Schritt näher, unangenehm nah, wie ich fand. Mir schien, als meine er es ernst, warum sonst würde er den allseits bekannten Sicherheitsbereich zwischen zwei Menschen, die sich nicht kennen, so grenzen- und schamlos überschreiten?! Andere zukünftige Fahrgäste des auf sich warten lassenden Busses gen Maintown drehten sich nach uns um, ich schüttelte leicht den Kopf und hoffte darauf, ihnen damit signalisieren zu können, dass ich auch nicht wisse, was hier gerade passiere, doch mich schien keiner wirklich zu verstehen. Ihre Blicke wanderten zwischen mir und ihm hin und her, hin und her, und auch mein vermeintlicher Distanzierungsversuch, ich war derweil einen großen Schritt nach hinten ausgewichen und hatte dabei mit dem rechten Ellbogen einen dieser Bushaltestellenmülleimer gestreift, hinterließ bei den uns beobachtenden, gleichsam Wartenden wohl auch weniger Eindruck als Verwirrung. Ich versuchte meine Blicke von ihm zu wenden, diesem Mann in schwarzem Lederimitationsmantel, der unrasiert, ungewaschen und überhaupt aussah, als sei er einer psychiatrischen Klinik entwichen oder vor irgendwem auf der Flucht, hob meinen Kopf, ließ ihn nach rechts ausschweifen und erblickte den ankommenden Bus am Ende der langen Straße nunmehr aus dem Augenwinkel. Kurz löste diese Entdeckung eine kleine Beruhigung in mir aus, denn ich wusste derweil, dass mich nur dieser Bus aus dieser durchweg unangenehmen Situation erlösen könne. Doch dieses Gefühl wich wenige Sekunden später wieder einer aufsteigenden Angst. Schuld daran war der nun wieder näherkommende Mann, der sich mit seinem Oberkörper nach vorne beugte, das rechte Bein zu einem Schritte anhob und seinen Kopf nunmehr, einer Schildkröte gleich, soweit ausstreckte, dass mich ein stinkender Atemduft aus seinem Munde an den Haarspitzen streifte. Leise aber bestimmt wiederholte er die unzusammenhängenden Worte und ergänzte sie um die Ausdrücke sofort, jetzt und hier sowie sonst passiert Ihnen etwas schreckliches. Ich war außerstande zu reagieren, geschweige denn zu sprechen, sein Atem, seine Anwesenheit, sein stechender Geruch, seine Aufdringlichkeit, seine Kleidung, all das bereitete mir so viel Angst, dass ich wieder eine dieser gelähmten und verkrampften Körperhaltungen einnahm, meinen steigenden Puls wahrnahm und versuchte, weder auf die immer noch starrenden Beobachter noch auf den pulsierenden morgendlichen Berufsverkehr zu achten. Der Mann im beängstigenden Outfit schien ungeduldig zu werden, blickte noch einmal in mein Gesicht und sagte dann: Letzte Aufforderung: Ändern Sie, Gott verdammt, Ihren Standort, sonst werden sie.. Den Rest seiner Worte verstand ich nicht mehr, denn seine Stimme ging in einem lauten Knall hinter meinem Rücken unter und ich spürte noch, kurz bevor ich zu Boden sank, einen stechenden Schmerz an der Wirbelsäule, in den Beine und am Gesäß. Dann wurde es dunkel. Ich verlor das Bewusstsein. Kurze Zeit oder lange Zeit später, ich vermochte die Dauer der Amnesie nicht einzuschätzen, hörte ich panische Stimmen um mich herum, die mich von allen Seiten umknieten und an mir herumzudoktern versuchten. Ich öffnete die Augen, sah gen Himmel und erblickte, einige hundert Meter über mir, einen schwebenden Mann mit Mantel, der ein weißes Plakat in der Hand hielt, dessen Botschaft ich nicht entziffern konnte. Dann verlor ich erneut das Bewusstsein.

In einem örtlichen Krankenhaus aufwachend, vernahm ich auf dem Flur eine Stimme, die mit einem Polizeibeamten zu sprechen schien. Ist Ihnen vor der Detonation etwas besonderes auffallen, mein Herr? Ja, der Mann machte ein schmerzverzerrtes, panisches Gesicht, als sei er beängstigt von etwas. Er schaute immer wieder zwischen den wartenden Fahrgästen und der Straße hin und her, hin und her. Er wich mehrmals nach hinten aus, stand verkrampft dort, schaute verwirrt, wirkte geistesabwesend.

Ich verspürte ich einen Windhauch an meiner linken Wange, konnte meinen Kopf jedoch nicht zur Seite beugen. Ganz ruhig, hörte ich es flüstern. Ich habe Sie gebeten, den Standort zu wechseln, Sie haben meine Anweisungen nicht befolgt, infolgedessen sind Sie hier, haben Sie keine Angst, ich tue Ihnen nichts. Meine derzeitige Lage ließ eine weitere Verkrampfung des Körpers nicht zu. Ich schloss stattdessen die Augen und versuchte die atemähnliche Windböe an meinem Ohr zu ignorieren. Ich werde gehen und Sie beim nächsten Mal wieder warnen, aber seien Sie gewiss, das nächste Mal werden Sie nicht mehr so glimpflich davonkommen, glauben Sie mir, mein Herr! Ein Lachen hallte durch den Raum. In diesem Moment betrat eine Person das Zimmer, zumindest glaubte ich ein Geräusch vernommen zu haben. Was ist so lustig, hörte ich die Stimme sagen, die langsam aus dem Off trat und sich ans Fußende des Bettes stellte. Sie sind noch einmal mit dem Schrecken davon gekommen, mein Herr, sagte ein Mann im weißen Doktorimitationskittel, die Bombe aus dem Mülleimer hätte schlimmeres verursachen können. Was hat Sie zum Lachen gebracht? Nichts, ich habe nicht gelacht. Doch, haben Sie, man vernahm es laut und deutlich bis auf dem Flur. Da war dieser Mann, dieser Mann, der… Hier ist kein Mann und hier war kein Mann, zumindest nicht, als ich das Zimmer betrat. Ich wollte aufschreien, doch es ging nicht. Langsam schloss ich meine Augen zum wiederholten Male und hoffte, diesen Standort im örtlichen Krankenhaus bald wieder verlassen zu dürfen. Vor dem Einschlafen noch wünschte ich mir, ich sei ein Zinnsoldat, den man nun einfach wegtragen könne. Die Unruhe auf dem Flur wich einer Totenstille.

In der Pizzeria: „Ich hätte gern Pizza Italia.“ „Nummer?“ „Die 30, aber ohne Ei“. „Aber ohne was?“ „Ohne das Ei“. „Ei, ja.“

Der Pizzamann schaut auf die Tafel. Dann ein lauter Ausruf: „Eh, Kollege, komm mal, die 30, ist mit Artisocke oder so, kenn die Pflanze nicht.“

Die Sonne lässt sich an einem dieser lauwarmen Vorfrühlingstage nur punktuell sehen, und doch ist es ein angenehmes und befreiendes Gefühl, mit einem geöffneten Wintermantel vor die Türe zu treten und die seichte Luft des sonntäglichen und dennoch wie immer beklemmenden Tages unter den Achseln, auf der Kopfhaut und an den Hüften zu spüren. Zu meinem eigenen Erschrecken muss ich feststellen, dass mir die Natur in den letzten Monaten etwas fremd geworden ist, nicht nur, weil sie mich mit ihrem kahlen und wenig farbenintensiven Erscheinungsbild nicht zu locken vermochte, sondern auch, weil die Arbeitszeit mit der Freizeit zu konkurrieren wusste. Ein weniger selbstgewählter als vielmehr aufdiktierter Anreiz lockt mich aus dem Haus.

Die Autotür wird sanft verschlossen, der Schal bleibt heute außer Dienst und verweilt auf der Rücksitzbank in meinem Auto. Ich bin nicht alleine gekommen, das merke ich daran, dass eine Frau von innen gegen die Fensterscheibe klopft und ruft: „ Ich will hier raus, hallo, ich mag auch mit, eh, mach die Türe auf.“ Sie wirkt panisch, denke ich kurz. Dann erst realisiere ich, dass ich im Strom der ersten Frühlingsgefühle doch tatsächlich vergessen hatte, dass ich gerade nicht gesondert von anderen Menschen in die Natur trete. Mir wird angst und bange, ich weiß nicht genau, woher das plötzlich auftretende, beklemmende Gefühl in Brust- und Magengegend kommt. Ich stolziere sanft und doch gezielt um das Auto herum, betätige mit meinem rechten Finger erneut den Knopf meines Schlüssels zur Entriegelung des Autos und werde kurz durch ein an mir vorbeihuschendes Eichhörnchen, dass tollend aussieht und zielsicher zu rennen vermag, abgelenkt. Die Frau im Fahrzeug scheint zunehmend unruhig zu werden, von innen öffnet sie etwas zu bott die Türe und knallt dabei mit dieser leicht, dennoch deutlich hörbar, gegen ein anderes, parkendes Auto. Ihr Ausruf „Upps“ klingt niedlich und zornig zugleich, denke ich. „Komm, hilf mir aus dem Auto“, sagt sie forsch, „wir wollen heute noch ankommen und du weißt, dass ich nicht mehr die Jüngste bin.“ Stimmt, da war noch was, geht es mir durch den Kopf. Ich greife ihren Arm, schaue in ein leicht betrübtes oder auch verärgertes Gesicht, ich kann es nicht wirklich unterscheiden, und ziehe sie mit Leibeskräften aus meinem etwas tiefer gelegten Fahrzeug. „Das ist nicht für alte Leute konzipiert“, höre ich sie leise und im Hintergrund brummen, denn derweil beschäftige ich mich vielmehr mit meinem ansteigenden und unregelmäßiger werdenden Herzschlag als mit ihren Worten. „Gott sei Dank, geschafft“, sagt sie wohl noch, schließt die Türe von außen und kann sich einer flippigen Bemerkung nicht verwehren: „Jetzt darfst du das Auto verriegeln, jetzt, Junge“. Ich mag das Wort Junge nicht, das weiß sie auch, aber alle Versuche, es ihr abzugewöhnen, waren kläglich gescheitert. Ob ich mich erneut aufregen soll, raunt es durch meinen noch von Alkohol des Vortrags durchtränkten und leicht schmerzenden Schädel. Nein, denke ich, vielleicht auch, weil ich nun erst zu realisieren beginne, wo ich mich hier eigentlich befinde. „Darf ich bitten, junge Frau“, sage ich zu ihr, forme meinen linken Arm zu einem Bogen und lege die Handinnenfläche des selbigen Arms auf dem linken Beckenknochen ab. „Aber sicher doch, Junge“, antwortet sie und grinst dabei so, als würde sie sich gerade darüber freuen, einem jungen Mann im Arm liegen zu können. Vielleicht dachte sie an frühere Zeiten, in denen sie noch ins Tanzlokal ging und von Männern – oder auch ihrem Mann – zum Tanzen aufgefordert wurde. Vielleicht war ihr aber auch, ebenso wie mir, einfach abhanden gekommen, was wir eigentlich vorhatten.

Wir gehen los. Kurz vor dem Eingangstor stoppe ich, hole tief Luft, lausche dem Vogelgezwitscher und stoße dann ihren Arm ab, um separiert durch das viel zu kleine Tor zu stolzieren. Ich nutze diese Pause, um aus meiner rechten Manteltasche eine Zigarettenschachtel zu ziehen, die Packung zu öffnen und mich eines Glimmstängels zu bedienen. Flüchtig lese ich die Aufschrift „Rauchen fügt Ihnen und den Mitmenschen in Ihrer Umgebung erheblichen Schaden zu“, entscheide mich dann geschwind, die Packung mit einer gekonnten Handbewegung noch einmal zu drehen, um auch noch die Worte „Rauchen führt zur Verstopfung der Arterien und verursacht Herzinfarkte und Schlaganfälle“ aufzusaugen. Dann versenke ich die Schachtel in der Manteltasche, greife mit der rechten Hand in die linke Hosentasche und zücke ein Feuerzeug. Derweil haben wir das Tor passiert, kurz denke ich an Grenzübergänge zweier Länder und stelle mir vor, wie Grenzbeamte beim Übertritt der Schwelle unsere Ausweise verlangen. Und tatsächlich, im Kern fühlt es sich so an, als betrete ich gerade eine neue, mir doch sehr fremde Welt. Die ältere Frau stolziert neben mir, schwingt in ihrer linken Hand eine schwarze Handtasche, die überdimensionalisiert wirkt, zumindest angesichts der Tatsache, dass ich zu glauben weiß, das sich dort nur zwei Gegenstände den Platz teilen. „Bist du bald fertig?“, brummt es von links. „Ja, Großmutter, bin ich.“ „Nenn mich nicht Großmutter, Junge“, antwortet sie und lacht dabei. Ihr Gesicht ist eingefallen, überhaupt sieht sie älter aus als sonst, denke ich. Im gleichen Augenblick muss ich mit einem beklemmenden Gefühl leben, dass mir zweierlei unwiderruflich zu verstehen gibt: 1. Ich habe sie lange nicht mehr gesehen, und das auch nur, weil ich keine Zeit für sie hatte. 2. Ich fühle mich in dieser Welt nicht wohl.

Sie ist oft hier, erzählt sie mir, als wir langsam fortschreiten und sie derweil wieder ihren Arm mit meinem verkeilt hat. Ich vernehme ein Schmatzen, schaue erneut in ihr Gesicht und stelle erschreckt fest, dass sie Kaugummi kaut. Eine ältere Frau, die Kaugummi kaut? Verkehrte Welt, denke ich. „Lass uns etwas schneller gehen“, sagt sie und reißt mich mit. Mir ist nicht nach schnellem Gehen, merke ich, doch ich entsage mich dieses Kommentars und ziehe mit. Die Natur ist hier viel schöner als sonst, denke ich, während wir stillschweigend über holpriger werdende Wege stolzieren. Überall sind frische Blumen aufgestellt, die Wege von Laub weitestgehend befreit und selbst die Gießkannen scheinen sich fast auffällig unauffällig in die bunte Welt einzufügen: Lila, die Farbe der Hoffnung, denke ich. „Hier lang, nicht da lang“, sagt sie. Großmutter unterbricht mich erneut in meinen Gedankenkreisen. „Wenn wir hier lang gehen, sind wird gleich da“. Wo denn eigentlich, frage ich mich kurz, bis ich endlich wieder realisiere, wo wir eigentlich sind. „Du warst lange nicht mehr hier, kannst gleich mal beim ihm um Verzeihung bitten“, höre ich sie spöttisch sagen, während ich durch das laute Geräusch eines über uns fliegenden Hubschraubers zunächst mehr abgelenkt denn konzentriert bin. Ich antworte nicht.

Der Glimmstängel in meiner rechten Hand scheint sein Ende gefunden zu haben, zumindest breitet sich ein warmes Gefühl zwischen Zeige- und Mittelfinger aus. „Dort rechts, dann sind wir da.“ Ja, denke ich, wir sind angekommen. „Wie schön sauber sie diesen Friedhof halten“, brummt sie noch kurz, während sie sich fast zeitgleich von mir abwendet, ihren Arm aus meinem Arm befreit und ich sie noch schnell dezent darauf hinweise, dass ich die Zigarette dort drüben ausmachen mag, um die Ordnung dieser Welt nicht zu zerstören. Keilförmig trennen sich unsere Wege, sie geht zielstrebig auf eines dieser bunt bestückten Gräber zu, während ich ein Schild anvisiere, auf dem steht: „Abfälle.“ Abfälle, in neonleuchtenden Farben. Muss denn hier alles so bunt sein, denke ich noch? Vor dem Behältnis angekommen, beuge ich mich vor und sehe kurz hinein, tief ist es, sehr tief. Ob Grabstätten auch so tief ausgehüllt werden? Ich bringe mich noch einmal in die Senkrechte, nehme einen letzten Zug von meiner Zigarette, atme eine kräftige Brise frischer Luft durch die Nase ein und drücke die Zigarette dann auf dem Holzrand des Behältnisses aus. „Komm schon, Opa wartet auf dich, höre ich sie hinter mir leise“. „Ich komme schon“, sage ich. Mein Blick streift nach links, während ich mich hier immer unwohler zu fühlen beginne. Ich mag Friedhöfe nicht, ich mag sie einfach nicht, stelle ich sowohl schockiert als auch nüchtern fest. Und ich habe Angst vor dem Tod. Die Zigarette ist derweil aus, wenngleich meine rechte Hand sie noch auf den Holzrahmen drückt. Ich senke meinen Kopf ein wenig, erblicke ein beschmutztes Pappbehältnis auf dem Boden und erschrecke, während ich die Zigarette zu den anderen Abfällen werfe. Dort liegt eine leere Schachtel Kippen gleicher Marke. Ich betrachte sie ein wenig genauer, lese die Aufschrift: „Raucher sterben früher“ und zucke massiv zusammen. Als sei das noch nicht Schock genug, lasse ich den Blick in das Behältnis zurückstreifen und entdecke die gleiche Aufschrift auf dem Umband einer leeren Zigarettenstangenverpackung. Ich bin gelähmt, die Geräusche um mich herum verstummen, die Farben scheinen zu verblassen. Ruckartig drehe ich mich um und gehe los, zielstrebig.

Im linken Augenwinkel entdecke ich sie, wie sie gerade gebückt vor dem Grabe meines Opas steht und das Gleichgewicht zu halten versucht. „Junge, da bist du ja endlich, dachte schon, du wärst in den Abfallbehälter gefallen“. Sie grinst, ich kann meine starren Gesichtsmuskeln hingegen nicht bewegen. „Gib mal Feuer her“, sagt sie zu mir, öffnet ihre überdimensionale Tasche und zieht eine Grableuchte heraus. Sie schaut auf: „Du hast doch Feuer, oder, schließlich rauchst du dich doch um dein Leben“. Ich starre sie erneut an. „Wenn du so weitermachst, mein Junge, besuchst du Opa eher als ich“, gibt sie kund und grinst zum wiederholten Male. „Dann bin ich aber böse, denn ich will Opa zuerst wiedersehen, hast du verstanden?“ Ich antworte wieder nicht. Derweil habe ich zeitlupenartig das Feuerzeug aus der Tasche gezogen und es ihr in die Handinnenfläche gelegt. Mir ist übel. Während ich über uns wieder die Propeller eines Rettungshubschraubers höre und mich auf meinen Herzschlag konzentriere, redet sie mit Opa. Ich schweige. Schweige, schweige. Dann fordert sie mich zum Gehen auf. „Sag Opa auf Wiedersehen“, fordert sie forsch! Ich mache nur eine verbeugende Kopfbewegung und drehe mich nach rechts um. „Lass uns eine Runde drehen, es ist so mild, es ist so schön“, lässt sie verlauten, ich füge mich auch dieser Anweisung stillschweigend und schreite mit ihr noch ca. eine halbe Stunde über den fast menschenleeren Friedhof, während sich das Feuerzeug, dass ich nach Gebrauch nicht mehr in die Hosen-, sondern in die Manteltasche gesteckt hatte, regelmäßig an der Zigarettenschachtel reibt und ein leises Geräusch und dennoch unüberhörbares Geräusch von sich gibt. Mir schwindelt es immer stärker. Ich denke nach und schweige. Ich schaue mich immer wieder um und erkenne, dass in diesem fremden Land nichts mehr ist, wie es vorher war. Ob es an meiner Wahrnehmung liegt oder wir aber gerade die dunklen Seiten des Territoriums betreten, kann ich nicht differenzieren, alles bleibt unwirklich und diffus. Ich sehe graufarbige und schwarze Gießkannen und erblicke dunkle und von Maulwürfen durchwühlte Gräber. So schreiten wir voran, immer weiter, über eine halbe Stunde, und erst, als wir das Grenztor ohne Grenzwärter wieder erreichen, sagt sie: „ So, danke für den Spaziergang. Opa hat sich auch gefreut, dich wiederzusehen.“ Wir lösen uns wieder voneinander und ich passiere zuerst den Grenzübergang.

In der alten Welt eingetaucht, erblicke ich nichts mehr, was nach Natur aussieht. Das tollende und muntere Eichhörnchen scheint sich verzogen zu haben, Kälte macht sich langsam breit, es dämmert. Mit einem immer stärker und stärker werdenden, stechenden Schmerz in Lunge und Beine schleife ich mich zum Auto zurück und öffne ihr die Türe. Sie steigt ein, lacht dabei noch fröhlich und lässt verlautbaren, dass sie doch noch fit sei, schließlich habe sie es allein in das Auto zurückgeschafft. „Immer wenn ich vom Friedhof komme, geht es mir besser, wahrscheinlich will Opa, dass ich noch ein wenig lebe“. „Danke“, sagt sie und grinst ihr Kaugummigesicht. Ja, vielleicht will er das, denke ich. In diesem Augenblick erscheint vor meinem inneren Auge erneut die Aufschrift der Zigarettenpackung. Ich schließe die Tür hinter mir, atme tief ein und starte den Motor. Dann frage ich mich noch, was mir Opa mit der Schachtelaufschrift wohl sagen wollte. Verkehrte Welt!

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Zu Risiken und Nebenwirkungen…
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Hätte es zu Zeiten Don Quijotes schon Therapeuten gegeben, wäre er um einige Diagnosen reicher, bekäme bunte Pillchen und Tropfen und würde dennoch Vertreter der Viele-Welten-Theorie bleiben, Wahnvorstellungen haben und elendig krepieren! Da können Sie aber Gift drauf nehmen!
Der Therapeut lacht und leitet zu Thomas Manns Zauberberg über, während der Patient mit der einen Hand immer wieder Samsa in die Luft schreibt und sich mit der anderen Hand wie ein Tier am Rücken kratzt.

Machen wir Sonntag mal wieder, okay?

Ach ne, sonntags hat man frei.

Dann eben nicht, sorry!

Auch Omas sind mal mit Falten auf die Welt gekommen!

Hätte ich ein Leben, müsste ich nicht so viel arbeiten.

Hätte ich wirkliche Arbeit, könnte ich endlich aufhören zu Leben.

Würde ich mit irgendetwas anfangen, hätte ich zumindest die Möglichkeit, mit etwas aufzuhören.

Würde ich endlich aufhören, könnte ich vielleicht neu anfangen.

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Achtung! Es könnte Ihre Lebensplanung zerstören.

Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage und fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker.

(Ich spreche aus Erfahrung!!)

TÜV/AU-Plaketten gibt es neuerdings nur noch hinten, nicht mehr vorne. Super, jetzt ist der lästige Aufkleber von meiner Stirn weg und nur noch mein Hintern bleibt verziert. Und die grüne Farbe ist auch viel schöner. Zum Glück haben die die ganzen Mängel nicht gemerkt. Aber für F.32.1 und Co. sind die nicht so geschult, habe ich mir sagen lassen!