Die Sonne lässt sich an einem dieser lauwarmen Vorfrühlingstage nur punktuell sehen, und doch ist es ein angenehmes und befreiendes Gefühl, mit einem geöffneten Wintermantel vor die Türe zu treten und die seichte Luft des sonntäglichen und dennoch wie immer beklemmenden Tages unter den Achseln, auf der Kopfhaut und an den Hüften zu spüren. Zu meinem eigenen Erschrecken muss ich feststellen, dass mir die Natur in den letzten Monaten etwas fremd geworden ist, nicht nur, weil sie mich mit ihrem kahlen und wenig farbenintensiven Erscheinungsbild nicht zu locken vermochte, sondern auch, weil die Arbeitszeit mit der Freizeit zu konkurrieren wusste. Ein weniger selbstgewählter als vielmehr aufdiktierter Anreiz lockt mich aus dem Haus.
Die Autotür wird sanft verschlossen, der Schal bleibt heute außer Dienst und verweilt auf der Rücksitzbank in meinem Auto. Ich bin nicht alleine gekommen, das merke ich daran, dass eine Frau von innen gegen die Fensterscheibe klopft und ruft: „ Ich will hier raus, hallo, ich mag auch mit, eh, mach die Türe auf.“ Sie wirkt panisch, denke ich kurz. Dann erst realisiere ich, dass ich im Strom der ersten Frühlingsgefühle doch tatsächlich vergessen hatte, dass ich gerade nicht gesondert von anderen Menschen in die Natur trete. Mir wird angst und bange, ich weiß nicht genau, woher das plötzlich auftretende, beklemmende Gefühl in Brust- und Magengegend kommt. Ich stolziere sanft und doch gezielt um das Auto herum, betätige mit meinem rechten Finger erneut den Knopf meines Schlüssels zur Entriegelung des Autos und werde kurz durch ein an mir vorbeihuschendes Eichhörnchen, dass tollend aussieht und zielsicher zu rennen vermag, abgelenkt. Die Frau im Fahrzeug scheint zunehmend unruhig zu werden, von innen öffnet sie etwas zu bott die Türe und knallt dabei mit dieser leicht, dennoch deutlich hörbar, gegen ein anderes, parkendes Auto. Ihr Ausruf „Upps“ klingt niedlich und zornig zugleich, denke ich. „Komm, hilf mir aus dem Auto“, sagt sie forsch, „wir wollen heute noch ankommen und du weißt, dass ich nicht mehr die Jüngste bin.“ Stimmt, da war noch was, geht es mir durch den Kopf. Ich greife ihren Arm, schaue in ein leicht betrübtes oder auch verärgertes Gesicht, ich kann es nicht wirklich unterscheiden, und ziehe sie mit Leibeskräften aus meinem etwas tiefer gelegten Fahrzeug. „Das ist nicht für alte Leute konzipiert“, höre ich sie leise und im Hintergrund brummen, denn derweil beschäftige ich mich vielmehr mit meinem ansteigenden und unregelmäßiger werdenden Herzschlag als mit ihren Worten. „Gott sei Dank, geschafft“, sagt sie wohl noch, schließt die Türe von außen und kann sich einer flippigen Bemerkung nicht verwehren: „Jetzt darfst du das Auto verriegeln, jetzt, Junge“. Ich mag das Wort Junge nicht, das weiß sie auch, aber alle Versuche, es ihr abzugewöhnen, waren kläglich gescheitert. Ob ich mich erneut aufregen soll, raunt es durch meinen noch von Alkohol des Vortrags durchtränkten und leicht schmerzenden Schädel. Nein, denke ich, vielleicht auch, weil ich nun erst zu realisieren beginne, wo ich mich hier eigentlich befinde. „Darf ich bitten, junge Frau“, sage ich zu ihr, forme meinen linken Arm zu einem Bogen und lege die Handinnenfläche des selbigen Arms auf dem linken Beckenknochen ab. „Aber sicher doch, Junge“, antwortet sie und grinst dabei so, als würde sie sich gerade darüber freuen, einem jungen Mann im Arm liegen zu können. Vielleicht dachte sie an frühere Zeiten, in denen sie noch ins Tanzlokal ging und von Männern – oder auch ihrem Mann – zum Tanzen aufgefordert wurde. Vielleicht war ihr aber auch, ebenso wie mir, einfach abhanden gekommen, was wir eigentlich vorhatten.
Wir gehen los. Kurz vor dem Eingangstor stoppe ich, hole tief Luft, lausche dem Vogelgezwitscher und stoße dann ihren Arm ab, um separiert durch das viel zu kleine Tor zu stolzieren. Ich nutze diese Pause, um aus meiner rechten Manteltasche eine Zigarettenschachtel zu ziehen, die Packung zu öffnen und mich eines Glimmstängels zu bedienen. Flüchtig lese ich die Aufschrift „Rauchen fügt Ihnen und den Mitmenschen in Ihrer Umgebung erheblichen Schaden zu“, entscheide mich dann geschwind, die Packung mit einer gekonnten Handbewegung noch einmal zu drehen, um auch noch die Worte „Rauchen führt zur Verstopfung der Arterien und verursacht Herzinfarkte und Schlaganfälle“ aufzusaugen. Dann versenke ich die Schachtel in der Manteltasche, greife mit der rechten Hand in die linke Hosentasche und zücke ein Feuerzeug. Derweil haben wir das Tor passiert, kurz denke ich an Grenzübergänge zweier Länder und stelle mir vor, wie Grenzbeamte beim Übertritt der Schwelle unsere Ausweise verlangen. Und tatsächlich, im Kern fühlt es sich so an, als betrete ich gerade eine neue, mir doch sehr fremde Welt. Die ältere Frau stolziert neben mir, schwingt in ihrer linken Hand eine schwarze Handtasche, die überdimensionalisiert wirkt, zumindest angesichts der Tatsache, dass ich zu glauben weiß, das sich dort nur zwei Gegenstände den Platz teilen. „Bist du bald fertig?“, brummt es von links. „Ja, Großmutter, bin ich.“ „Nenn mich nicht Großmutter, Junge“, antwortet sie und lacht dabei. Ihr Gesicht ist eingefallen, überhaupt sieht sie älter aus als sonst, denke ich. Im gleichen Augenblick muss ich mit einem beklemmenden Gefühl leben, dass mir zweierlei unwiderruflich zu verstehen gibt: 1. Ich habe sie lange nicht mehr gesehen, und das auch nur, weil ich keine Zeit für sie hatte. 2. Ich fühle mich in dieser Welt nicht wohl.
Sie ist oft hier, erzählt sie mir, als wir langsam fortschreiten und sie derweil wieder ihren Arm mit meinem verkeilt hat. Ich vernehme ein Schmatzen, schaue erneut in ihr Gesicht und stelle erschreckt fest, dass sie Kaugummi kaut. Eine ältere Frau, die Kaugummi kaut? Verkehrte Welt, denke ich. „Lass uns etwas schneller gehen“, sagt sie und reißt mich mit. Mir ist nicht nach schnellem Gehen, merke ich, doch ich entsage mich dieses Kommentars und ziehe mit. Die Natur ist hier viel schöner als sonst, denke ich, während wir stillschweigend über holpriger werdende Wege stolzieren. Überall sind frische Blumen aufgestellt, die Wege von Laub weitestgehend befreit und selbst die Gießkannen scheinen sich fast auffällig unauffällig in die bunte Welt einzufügen: Lila, die Farbe der Hoffnung, denke ich. „Hier lang, nicht da lang“, sagt sie. Großmutter unterbricht mich erneut in meinen Gedankenkreisen. „Wenn wir hier lang gehen, sind wird gleich da“. Wo denn eigentlich, frage ich mich kurz, bis ich endlich wieder realisiere, wo wir eigentlich sind. „Du warst lange nicht mehr hier, kannst gleich mal beim ihm um Verzeihung bitten“, höre ich sie spöttisch sagen, während ich durch das laute Geräusch eines über uns fliegenden Hubschraubers zunächst mehr abgelenkt denn konzentriert bin. Ich antworte nicht.
Der Glimmstängel in meiner rechten Hand scheint sein Ende gefunden zu haben, zumindest breitet sich ein warmes Gefühl zwischen Zeige- und Mittelfinger aus. „Dort rechts, dann sind wir da.“ Ja, denke ich, wir sind angekommen. „Wie schön sauber sie diesen Friedhof halten“, brummt sie noch kurz, während sie sich fast zeitgleich von mir abwendet, ihren Arm aus meinem Arm befreit und ich sie noch schnell dezent darauf hinweise, dass ich die Zigarette dort drüben ausmachen mag, um die Ordnung dieser Welt nicht zu zerstören. Keilförmig trennen sich unsere Wege, sie geht zielstrebig auf eines dieser bunt bestückten Gräber zu, während ich ein Schild anvisiere, auf dem steht: „Abfälle.“ Abfälle, in neonleuchtenden Farben. Muss denn hier alles so bunt sein, denke ich noch? Vor dem Behältnis angekommen, beuge ich mich vor und sehe kurz hinein, tief ist es, sehr tief. Ob Grabstätten auch so tief ausgehüllt werden? Ich bringe mich noch einmal in die Senkrechte, nehme einen letzten Zug von meiner Zigarette, atme eine kräftige Brise frischer Luft durch die Nase ein und drücke die Zigarette dann auf dem Holzrand des Behältnisses aus. „Komm schon, Opa wartet auf dich, höre ich sie hinter mir leise“. „Ich komme schon“, sage ich. Mein Blick streift nach links, während ich mich hier immer unwohler zu fühlen beginne. Ich mag Friedhöfe nicht, ich mag sie einfach nicht, stelle ich sowohl schockiert als auch nüchtern fest. Und ich habe Angst vor dem Tod. Die Zigarette ist derweil aus, wenngleich meine rechte Hand sie noch auf den Holzrahmen drückt. Ich senke meinen Kopf ein wenig, erblicke ein beschmutztes Pappbehältnis auf dem Boden und erschrecke, während ich die Zigarette zu den anderen Abfällen werfe. Dort liegt eine leere Schachtel Kippen gleicher Marke. Ich betrachte sie ein wenig genauer, lese die Aufschrift: „Raucher sterben früher“ und zucke massiv zusammen. Als sei das noch nicht Schock genug, lasse ich den Blick in das Behältnis zurückstreifen und entdecke die gleiche Aufschrift auf dem Umband einer leeren Zigarettenstangenverpackung. Ich bin gelähmt, die Geräusche um mich herum verstummen, die Farben scheinen zu verblassen. Ruckartig drehe ich mich um und gehe los, zielstrebig.
Im linken Augenwinkel entdecke ich sie, wie sie gerade gebückt vor dem Grabe meines Opas steht und das Gleichgewicht zu halten versucht. „Junge, da bist du ja endlich, dachte schon, du wärst in den Abfallbehälter gefallen“. Sie grinst, ich kann meine starren Gesichtsmuskeln hingegen nicht bewegen. „Gib mal Feuer her“, sagt sie zu mir, öffnet ihre überdimensionale Tasche und zieht eine Grableuchte heraus. Sie schaut auf: „Du hast doch Feuer, oder, schließlich rauchst du dich doch um dein Leben“. Ich starre sie erneut an. „Wenn du so weitermachst, mein Junge, besuchst du Opa eher als ich“, gibt sie kund und grinst zum wiederholten Male. „Dann bin ich aber böse, denn ich will Opa zuerst wiedersehen, hast du verstanden?“ Ich antworte wieder nicht. Derweil habe ich zeitlupenartig das Feuerzeug aus der Tasche gezogen und es ihr in die Handinnenfläche gelegt. Mir ist übel. Während ich über uns wieder die Propeller eines Rettungshubschraubers höre und mich auf meinen Herzschlag konzentriere, redet sie mit Opa. Ich schweige. Schweige, schweige. Dann fordert sie mich zum Gehen auf. „Sag Opa auf Wiedersehen“, fordert sie forsch! Ich mache nur eine verbeugende Kopfbewegung und drehe mich nach rechts um. „Lass uns eine Runde drehen, es ist so mild, es ist so schön“, lässt sie verlauten, ich füge mich auch dieser Anweisung stillschweigend und schreite mit ihr noch ca. eine halbe Stunde über den fast menschenleeren Friedhof, während sich das Feuerzeug, dass ich nach Gebrauch nicht mehr in die Hosen-, sondern in die Manteltasche gesteckt hatte, regelmäßig an der Zigarettenschachtel reibt und ein leises Geräusch und dennoch unüberhörbares Geräusch von sich gibt. Mir schwindelt es immer stärker. Ich denke nach und schweige. Ich schaue mich immer wieder um und erkenne, dass in diesem fremden Land nichts mehr ist, wie es vorher war. Ob es an meiner Wahrnehmung liegt oder wir aber gerade die dunklen Seiten des Territoriums betreten, kann ich nicht differenzieren, alles bleibt unwirklich und diffus. Ich sehe graufarbige und schwarze Gießkannen und erblicke dunkle und von Maulwürfen durchwühlte Gräber. So schreiten wir voran, immer weiter, über eine halbe Stunde, und erst, als wir das Grenztor ohne Grenzwärter wieder erreichen, sagt sie: „ So, danke für den Spaziergang. Opa hat sich auch gefreut, dich wiederzusehen.“ Wir lösen uns wieder voneinander und ich passiere zuerst den Grenzübergang.
In der alten Welt eingetaucht, erblicke ich nichts mehr, was nach Natur aussieht. Das tollende und muntere Eichhörnchen scheint sich verzogen zu haben, Kälte macht sich langsam breit, es dämmert. Mit einem immer stärker und stärker werdenden, stechenden Schmerz in Lunge und Beine schleife ich mich zum Auto zurück und öffne ihr die Türe. Sie steigt ein, lacht dabei noch fröhlich und lässt verlautbaren, dass sie doch noch fit sei, schließlich habe sie es allein in das Auto zurückgeschafft. „Immer wenn ich vom Friedhof komme, geht es mir besser, wahrscheinlich will Opa, dass ich noch ein wenig lebe“. „Danke“, sagt sie und grinst ihr Kaugummigesicht. Ja, vielleicht will er das, denke ich. In diesem Augenblick erscheint vor meinem inneren Auge erneut die Aufschrift der Zigarettenpackung. Ich schließe die Tür hinter mir, atme tief ein und starte den Motor. Dann frage ich mich noch, was mir Opa mit der Schachtelaufschrift wohl sagen wollte. Verkehrte Welt!